Sonntag, 10. Juli 2011

Syrien - Die Weltgemeinschaft muss endlich handeln

Seit Monaten liefert sich die außerparlamentarische Opposition der Tyrannei des syrischen Regime aus. Anders kann man die Situation auch nicht bezeichnen. Sobald die Menschen auf die Straße gehen werden sie vom Militär und den Garden niedergeknüppelt, verschleppt und gefoltert - auf Befehl. Bis auf brennenden Barrikaden aus Reifen und ein paar Steinewerfern stoßen sie nur geringfügig auf Gegenwehr. Bei laufenden Handykameras werden die Demonstranten niedergeschossen, niedergetreten und malträtiert. Augenzeugen berichten von furchtbaren Gräueltaten. So werden Krankenwagen unter Beschuss genommen, die Verletzte abtransportieren oder Festgenommene zu Tode gefoltert. Amnesty International bezeichnet die Vorgänge als menschenverachtend und ein Fall für den Internationalen Gerichtshof.
Wenn sich die internationale Staatengemeinschaft endlich durchringen könnte, das Vorgehen Syriens gegen die eigene Bevölkerung zu ahnden. Doch danach sieht es im Moment keineswegs aus. Weder die Vereinten Nationen, noch unabhängig von diesen, kann sich die internationale Gemeinschaft auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Nicht einmal auf eine gemeinsame Erklärung zu Verurteilung der Übergriffe kann sie sich einigen. Was für eine Schande. Und Verbrechen!
Seit Beginn der Demonstrationen sind nach Schätzungen von Menschenrechtlern mindestens 1740 Menschen ums Leben gekommen. Jeder Einzelne ist zu viel, wenn er um seine Freiheit kämpft! Die Frage drängt sich auf, wie viele Menschenleben der Staatengemeinschaft ein Eingreifen rechtfertigt?
Als der Sicherheitsrat sich Mitte März zu einer Flugverbotszone über Libyen aussprach, waren die Opferzahlen unter Despot Gaddafi weitestgehend unbekannt - die Schätzungen beliefen sich auf einige hundert bis tausend. Dazu kamen zehntausende Flüchtlinge und ausländische Arbeiter, die evakuiert werden mussten. Die Situation unterschied sich dennoch von Syrien. Es gab einen organisierten bewaffneten Wiederstand gegen Diktator Gaddafi, der den Westen demonstrativ aufforderte, dem systematischen Morden des Regimes ein Ende zu bereiten. Europa und Co. waren immer noch paralysiert von der Macht und Entschlossenheit arabischer Völker, die plötzlich gegen ihre eigenen Herrscher aufbegehrten. Die romantische Vorstellung einer nahezu gewaltfreien Revolution, unter anderem mit der blumigen Bezeichnung Jasminrevolution, wurde zerstört. Jetzt floss Blut. Und den Entwurf für die Resolution brachte die Arabische Liga selbst ein und wurde maßgeblich mithilfe von Frankreich durchgepeitscht. Noch dazu war Europa mit Libyen stark wirtschaftlich verflochten und ein unkontrollierter Bürgerkrieg hätte eine uneinschätzbare Liefersituation nach sich gezogen.
Nichtsdestotrotz, das menschliche Leid bedingt durch Machtinteressen der Regime vereint Libyen und Syrien. Letzteres wird durch die Weltgemeinschaft aber mit weniger Mitgefühl bedacht. Baschar al-Assad, seine Geheimdienste und der gesamte Machtapparat sind eine Katastrophe für die Menschen. Keine der scheinheiligen Begründungen legitimieren ein Weggucken. Das Verlangen auch die Statuten der UN, ungeachtet der Souveränität innerhalb der eigenen Landesgrenzen. Eine Modernisierung des Weltverbessererclubs und Anpassung der Statuten an die heutige Realität habe ich bereits in der Vergangenheit gefordert.
Warum also greifen die Alliierten nicht ein? Zuerst einmal haben die Syrier Pech, dass sie relativ spät begannen, sich gegen die eigene Diktatur zu Wehr zu setzen. Kriegsmaterial, Soldaten und Kapital sind bereits anderweitig gebunden. Die Parlamente weltweit können ihrer kriegsmüden Bevölkerung nur schwerlich einen weiteren bewaffneten Konflikt zumuten.
Zweitens sind mit dem Land wenig wirtschaftliche Interessen verbunden. Bis auf China, das ein Gros seiner Öllieferungen aus Syrien deckt, sind westliche Staaten wenig in der Exploration syrischer Rohstoffe engagiert.
Drittens ist auch China zusammen mit Russland ein Hauptgrund, warum eine Resolution im Weltsicherheitsrat keine Chance hat. Dass beide Länder es selbst nicht so ernst mit Menschenrechten innerhalb ihrer eigenen Grenzen nehmen, gibt ihnen bei weitem nicht das Recht, ihre Achtlosigkeit über ihre Grenzen hinauszutragen. Darüber hinaus fühlen sie sich brüskiert, wie die in Libyen beteiligten Staaten ihren durch die UN legitimierten Eingriff auslegen und aktiv zum Sturz Gaddafis beitragen. Dabei ist eine politische Einmischung strengstens untersagt. Waffenlieferungen und geheime Verhandlungen mit den Aufständischen tragen ihr Übriges bei. Somit sind die westlichen Staaten teilweise selbst dafür verantwortlich, dass ihnen kein Vertrauen für eine weitere Resolution entgegengebracht wird. Und trotzdem, dass zwei Staaten die Weltgemeinschaft daran hindern können, Leben zu schützen ist ein Unding! Einmal mehr zeigt sich, dass eine Reform der UNO unabdingbar ist.
Auch wenn China und Russland übergangen werden könnten, einig sind sich die übrigen Staaten weiterhin nicht. Israel schätzt Syrien als zwar feindlich gesinnten, aber dennoch wünschenswerten Nachbarn ein, der für Stabilität sorgt. Insgeheim mag der Westen auch noch hoffen, dass der anfangs als Reformer begrüßte Baschar al-Assad sich nicht völlig der Tyrannei verschrieben hat, nur ein getriebener seiner Sippschaft und Geheimdienste ist und sich eines Tages doch noch mit seinem Reformkurs durchzusetzen vermag.
Viertes war Libyen nach der Abkehr der Arabischen Liga außenpolitisch vollends isoliert. Syrien ist über die Hisbollah allerdings eng mit dem Libanon verflochten und erfährt auf der anderen Seite Unterstützung aus dem Iran. Die Revolutionsgarden des Iran sollen gar selbst in das Geschehen auf syrischen Boden eingegriffen haben, beratend und prügelnd. Ein Militärschlag gegen Assad würde, so ist zu vermuten, eine große Schar Terroristen auf den Plan rufen und eine großangelegte Offensive mitsichbringen. Es droht eine komplette Destabilisierung des Nahen und Mittleren Ostens.
Fünftens Flüchtlinge. Europa sah sich durch den Konflikt in Libyen einer enormen Flüchtlingswelle ausgesetzt. Wenig versetzt die Europäer in größere Panik. Der Flüchtlingsstrom aus Syrien hält sich hingegen in Grenzen und die Türkei hat sich bereitwillig erklärt, jene solche großzügig aufzunehmen - wenn auch nur zeitweilig.
Und sechstens fehlt es den westlichen Nationen an jeglichen Alternativen. Libyen hat einen Übergangsrat. Und Syrien? Der lang etablierte Familienclan der Assads würde ein Machtvakuum nach dessen Abgang hinterlassen, das mitunter von weit schlimmeren Kräften gefüllt würde - vorausgesetzt es gelänge, das Regime zu stürzen. Nach den unerwartet zermürbenden Kämpfen in Libyen stünde eventuell ein drittes Afghanistan vor der Tür. Der Ausgang einer Intervention wäre so ungewiss, dass selbst Draufgänger Sarkozy sich nicht zumutet einen solchen in Erwägung zu ziehen.
Unter all dem muss die syrische Bevölkerung leiden. Eine Befriedung der Massen scheint mangels ernsthafter Reformbemühungen des Regimes nicht in Sicht. Und weil sich die Staatengemeinschaft nicht über ihre Differenzen einigen kann, sterben jeden Tag Menschen. Das Zögern muss endlich ein Ende haben, sonst droht der Menschheit einmal mehr eine humanitäre Tragödie von unnötigen und schrecklichen Ausmaßen. Wenn der Weltsicherheitsrat sich nicht durchringen kann, müssen die Staaten, die beherzt zu einem Eingriff bereit sind, unabhängig intervenieren. So wie einst die USA nahezu im Alleingang den Kampf gegen den Terrorismus in die Welt hinaus trugen, können einzelne Staaten mit einer weitaus legitimieren Agenda den Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen aufnehmen. Sie wären es der Menschheit schuldig. Und auch den Opfern des syrischen Regimes.

Dienstag, 17. Mai 2011

Getrenntes vereinigtes Europa

Die Union zerfällt wegen nationalistischer Kleindenkerei

Es ist ein Trauerspiel – leider nicht nach griechischer Tradition, denn die hat nur eine Hauptszene oder ließe sich vielleicht mit Euromilliarden zum glücklichen Ende geleiten. Vielmehr reihen sich die Akte aneinander wie bei Fluch der Karibik.
Die Europäische Union erlebt in ihrer jungen Geschichte ihre tiefste Sinneskrise, deren Risse bereits tief bis nach Brüssel und Straßburg hineinreichen. Die jüngsten Ereignisse scheinen sich zu überschlagen, im Gleichschritt mit nationalistischen Gedanken- und Machtspielen. Ganz groß: die PIIGS (Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien. Belgien sollte ebenfalls dazugehören), mit ihren finanziellen Notständen. Rettungspaket um Rettungspaket wird geschnürt und die EU entgegen inbrünstiger Behauptungen zu einer Transferunion. Es gilt den Kollaps in der Eurozone abzuwenden. Und dennoch ziehen nicht alle am selben Strang zur Bekämpfung der größten Liquiditätskrise Europas. Vorneweg: Finnland und Tschechien. Irland auch, aber seitdem es ebenfalls am Eurotropf hängt, ist es zahmer geworden.
Ein Blick auf die Karte zeigt, das Gros der Mitgliedsstaaten wird von konservativen Regierungen vertreten. Deren Klientelpolitik beschränkt sich häufig nicht nur auf die bürgerliche Mitte, sondern macht meistens auch an den Landesgrenzen halt.



Ein europäisches Leitbild muss her, um jene Regierungen in einer Vision zu vereinen, wie es der damalige Traum vom Frieden vermochte. Dessen wohl schönste Frucht ist Schengen. Die Idee ist großartig und für die meisten Europäer eines der einschlägigsten Argumente für die EU. Seit Italiens hingeworfenem Diplomatenhandschuh vor die Füße Frankreichs steht das Abkommen in seiner jetzigen Form zur Disposition. Und Dänemark setzt einen Drauf, wenngleich aus anderem Kalkül. Nämlich wieder einmal Innenpolitik. Die sollte mitnichten etwas mit den übrigen 496 Millionen EU-Bürgern zu tun haben. Eine Wahl haben sie selbstverständlich nicht.
Teilweise zumindest. Die europäischen Parlamentswahlen erfreuen sich reger Nichtbeteiligung. Lediglich 43% folgten dem Ruf an die Urne 2009. Ein Armutszeugnis für die bürgerliche Anteilnahme. Wen wundert es also, dass so gut wie niemand den Parlamentspräsidenten Jerzy Buzek (Pole) kennt. Wie sollte man auch? Das Kompetenzgerangel innerhalb der EU überschattet die politische Arbeit. Catherine Ashton ist nicht nur blasser als John Doe (der englische Max Mustermann). Die lautstarken Unmutsbekundungen um ihre Person spitzen sich stetig zu einer offenen Rebellion zu. To be continued: Herman Van Rompuy.
Personalrochaden beschäftigen auch Staatenlenker. Der bevorstehende Abgang von EZB-Chef Jean-Claude Trichet löste einmal wieder Grabenkämpfe aus. Mario Draghi, just Nachfolger in spe, löste bei der Kanzlerin die German Angst aus, bis sie, aus Mangel an Alternativen, einknickte. Damit nicht genug. Gekämpft wird munter um ESFS, ESA, EIOPA, EBA, ESMA und ESRB*. Alles Neukreationen um die Finanzstabilität in Europa wiederherzustellen und zu wahren. Das ausgegebene Motto: die eigenen Landsfrauen und –männer bestmöglich positionieren. Und nun gesellt sich wahrscheinlich auch eine Vakanz für den Vorsitz des IWF-Direktoriums dazu. Na wunderbar. Der deutsche Fachkräftemangel ist dagegen ein Kinderspielplatz.
In Abkürzen sind die Europäer zumindest groß. Übrigens auch bei der Angleichung des europäischen Zahlungsverkehrs SEPA: eine 22-stellige Kontonummer symbolisiert die Einigkeit (womöglich sollte anfangs jede Stelle für ein Mitgliedsland stehen). Bei der Besetzung dieser Gremien sind sie dagegen weniger kreativ. Es gibt kein Miteinander, sondern Gefeilsche und Gerangel. Eine Währung, aber viele Interessen. Das Traurige daran, sie sind größtenteils machtpolitisch motiviert. Eine Harmonisierung von Wirtschafts- und Finanzpolitik, dem wohl effektivsten Stabilisierungsmechanismus, wird es in naher Zukunft nicht geben.
Gleiches gilt für die Außenpolitik. Deutscher Pseudo-Pazifismus steht eben immer noch über der Einheit Europas und lässt den Rest der Union im Sicherheitsrat dumm aus der Wäsche gucken. Auch bei einem türkischen EU-Beitritt ist Einigkeit Fehlanzeige. Im Fall Syrien kam es ausnahmsweise zu einer Übereinkunft – auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Gemeinsam gegen Menschenrechtsverletzungen kämpfen? Pustekuchen. Beim Umgang mit Passagierflugdaten und einer Datenweitergabe an die USA: Stillstand wegen Kompromissunfähigkeit.
Und dass nicht nur die Politik die Finger im Spiel hat um auf nationale Befindlichkeiten aufmerksam zu machen, demonstrieren Energie- und Automobillobbyisten vorbildlich. Ganz aktuell: die Stresstests für Atomkraftwerke. Weich wie Pasteten wenn es nach den Franzosen gehen soll und hart wie der Eisbeinknochen falls sich die Deutschen durchzusetzen vermögen. Das Geschacher um Subventionen ist ja mittlerweile ein alter und anerkannter Hut.
Die EU ist bisweilen fleißig bemüht, die Aussetzer ihrer Mitglieder zu bändigen. Frankreich konnte wegen der heftig umstrittenen Roma-Abschiebungen gerade noch ein Strafverfahren umgehen. Ungarn wird sich dem vermutlich nicht entziehen können. Trotz Ratspräsidentschaft hat Ungarn demonstriert, dass es wenig von den europäischen Rechten wie Meinungsfreiheit hält. Dass mittlerweile rechte Banden durch seine Dörfer ziehen und sogenannte Selbstjustiz an Sinti und Roma verüben, stellt den Tiefpunkt der anti-demokratischen Entwicklung in unseren Reihen dar. Jeder kocht sein eigenes Süppchen.
Womöglich handelt es sich bei dieser Aufzählung nur um den Parados, dem Eingangslied einer griechischen Tragödie. Doch ungeachtet aller Konflikte: Europa braucht die EU. Und besonders brauchen die Europäer die EU. Letztere muss es ihnen nur eindringlich begreifbar machen, denn nur so können sich die Bürger gegen die Kleinstaaterei ihrer Regierungen zu Wehr setzen, wenn wieder einmal ihre Rechte dem nationalen machtpolitischen Kalkül zum Opfer fallen. Das ist der einzige Weg, das einmalige Projekt einer Europäischen Union zu bewahren. Ein von Bürokraten getragenes System ist zum Scheitern verurteilt. Schließlich haben die Europäer bereits gezeigt, dass sie durchaus einig sein können. Im Eurovision Song Contest befanden sie mehrheitlich: die Schweizer waren au-dessous de la moyenne – unterdurchschnittlich.

* European System of Financial Supervision, European Supervisory Authorities, European Supervisory Authority (Insurance and Occupational Pensions), European Banking Authority, European Securities and Markets Authority und European Systemic Risk Board

Dienstag, 12. April 2011

Grüne Revolution frisst ihre eigenen Kinder

Was ist Deutschland eine atomfreie Zukunft wert?

Die Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima zieht weit größere Kreise als die japanische Regierung den Evakuierungsring um das AKW. In Deutschland sind die Wellen des zerstörerischen Tsunamis nicht so verheerend tödlich, krempeln die Gesellschaft dennoch gehörig um. Nicht Häuser wurden weggespült, sondern politische Bastionen der konservativen Logik: Deutschland braucht die Kernkraft; für einen nachhaltigen Ausstieg, so die Argumentation; für das Portemonnaie der Stromkonzerne, so die Vermutung, und für die Aufstockung des Sparpaketes, so die Tatsache.
Was das Unglück in Japan mit dem deutschen Energiemix zu tun hat, ist auf erstem rationalen Blick nicht offensichtlich. Deutsche Atomkraftwerke seien sicher, lautete die damalige Beschwichtigung der schwarz-gelben Bundesregierung. Plötzliche plattentektonische Naturkatastrophen von japanischen Ausmaßen werden weiterhin nicht in Mitteleuropa erwartet. Jedoch offenbare das Desaster die Unberechenbarkeit strahlender Energielieferanten wie Uran und schließlich dürfe man selbst als Politiker seine Meinung ändern. So viel zur Begründung des Schwenks der Koalition, im Besonderen der FDP. Wenn die Laufzeitverlängerung der Regierung auf Meinungen beruhte, dann vielen Dank!
Damit zeigt Merkel nicht ihre Einsichtigkeit oder gar ihr grünes Gewissen, sondern lediglich, dass das Aus für den Ausstieg argumentativ nicht stichhaltig war. Resultat: wilder Aktionismus. Ob nun Wahlkampftaktik oder nicht, das Moratorium zur Abschaltung der sieben Altmeiler und Krümmel ist weit tiefgreifender und folgenreicher als ein paar Wählerstimmen. Das muss selbst Schwarz-Gelb gewusst haben. Und nun haben sie den Salat: eine versalzene Wahl und den grünen Miesepeter.
Der grüne Miesepeter ist wie das Ying und Yang: ein schneller Ausstieg aus der Atomenergie bedeutet zwar weniger Risiko auf kürzere Zeit und eine geringere Menge an radioaktiv verseuchtem Abfall (und vielleicht Wählerstimmen). Gleichzeitig sind damit allerdings auch hohe finanzielle, wirtschaftliche und ökologische Herausforderungen zu überwinden bei denen teilweise selbst theoretisch keine schnelle Lösung möglich ist. Um ihre Glaubwürdigkeit nicht noch weiter zu ruinieren, kann es sich die Bundesregierung nicht leisten, den Miesepeter wieder von sich zu schieben. Für eine Kehrtwende ist es zu spät.
Entgegen der Gelassenheit der Opposition, ist dies jedoch nicht nur ein Problem der schwarz-gelben Regierung. Im Laufe der Debatte werden wir zwangsläufig zu dem Punkt kommen, an dem sich die gesamte deutsche Gesellschaft entscheiden muss, was ihr der Atomausstieg wert ist.
Und dieser Punkt wird in die Geschichte eingehen. Es geht bei Weitem nicht mehr darum, dass Parteien ihr Grundsatzprogramm bekräftigen oder abändern. Es geht um die Frage, ob die deutsche Gesellschaft nach all den Jahren ökologischer Vernunftserziehung sich auch der Tragweite dieser Entscheidung bewusst ist. Und inwieweit sie diese mitbeeinflusst. Jeder wird sich die Frage stellen, mit wie viel Euro atomstromfreier Strom die Geldbörse zusätzlich belasten kann. Soziologisch werden aber ganz andere Fragen eine Rolle spielen, die das Selbstverständnis unserer Gesellschaft prägen werden.
Wie viel ist uns ein grünes Gewissen wert? Ziehen wir Kohlekraftwerken AKWs vor? Was können wir unseren Kindern aufbürden? Wie viel Atomschrott können wir verkraften? Was bedeutet uns der ungestörte Blick auf Täler und Auen? Sind wir bereit Schweinswale für unseren Strom zu opfern? Können wir rechtfertigen, Seetaucher und andere Zugvögel anstatt Uran zu verbrauchen? Geben wir Moore und Wiesen für Anbauflächen von Monokulturen auf? Sind wir entschlossen für eine bedingungslose Selbstversorgung mit Elektrizität die Artenvielfalt aufs Spiel zu setzen? Und vor allem, wie können wir diese unwiederbringlichen Entscheidungen den kommen Generationen begründen? Mit einer Naturkatastrophe auf der anderen Seite des Globus? Oder unserem Wunsch nach mehr Sicherheit?
Auf all diese Fragen wird es keine schnelle Antwort geben. Auch die Bundesregierung wird sie nicht beantworten können und sollte sich auch nicht anmaßen dies zu tun. Es braucht eine breite gesellschaftliche Debatte die wahrheitsgemäß und offen geführt wird, und kein Netzausbaubeschleunigungsgesetz oder dergleichen. Eine Entscheidung, die all unser Leben, unsere Natur und zukünftige Sicherheit so stark beeinflusst, rechtfertigt auch den Gebrauch von Volksentscheiden; um eine Nation wirklich vor die Wahl zu stellen.
Dass diese Debatte leidenschaftlich geführt würde, zeichnet sich bereits heute ab. Unzählige Gutachten, Sachverständigenräte, Kommissionen und so weiter behaupten entweder, der Ausstieg sei nicht ohne erheblichen ökologischen Einschnitten zu bewältigen, das Gegenteil oder irgendetwas dazwischen. Jedoch muss für jeden klar sein, dass ein Komplettausstieg nicht ohne ökologische Folgen bleiben kann. Es wird immer ein Miteinander-Aufwiegen bleiben. Alles natürlich unter der Prämisse nicht zum Netto-Importeur von Strom zu werden. Auch diese Tatsache muss zur Disposition stehen. Deutschland versorgt sich auch nicht selbst mit Öl, Eisenerz, Edelmetallen, etc. Woher also der Anspruch auf Elektrizität?
Der deutsche Energiemix in der Zukunft ist so unbestimmt wie noch nie. Plötzlich ist alles möglich. Weniger möglich als viel mehr sicher gilt jedoch: das Leitbild grüner Politik, der Ausstieg aus der Kernenergie, wird zwangsläufig auf Kosten anderer grüner Maxime wie Artenschutz gehen. Es ist nun an der Gesellschaft zu entscheiden, was ihnen von größerer Bedeutung ist. Zu ihrem Wohl. Und dem nachfolgender Generationen.

Freitag, 8. April 2011

EZB-Entscheidung ist keine Zinswende sondern ein politischer Befreiungsschlag

Die gestrige Entscheidung der Europäischen Zentralbank den Leitzins um ein Viertel Prozentpunkt von 1,0 auf 1,25 Prozent anzuheben stößt auf geteiltes Echo im Markt. Richtig freuen kann sich allerdings niemand.
Derzeit stehen sich zwei Lager gegenüber. Die einen fürchten die steigende Inflation, ausgelöst mehrheitlich durch außereuropäische Preissteigerungen bei beispielsweise Öl und Lebensmittel, und die Bildung von Blasen durch Kreditexzesse denen ein niedriger Leitzins dienlich ist.
Die andere Seite sorgt sich um die Konjunktur der sogenannten PIGS – Portugal, Irland, Griechenland und Spanien. Bis auf letzterem hänge alle am Tropf der EZB. Eine Erhöhung der Leitzinsen, also der Zinsen, die Banken an die Zentralbank für geliehene Liquidität und eben diese Staaten für die Hilfsdarlehen aus dem EFSF bezahlen, wird deren wirtschaftliche Erholung weiter erschweren und möglicherweise mitunter sogar zum Scheitern verurteilen.
Die Meinungen über den Effekt dieser Entscheidung gehen weit auseinander. Die meisten Ökonomen halten die Auswirkungen jedoch für marginal. Aus diesem Grund werden zusätzliche Anhebungen erwartet, da durch einen solchen Schritt dem primären Ziel der EZB, die Inflation zu begrenzen, womöglich wenig geholfen ist. Dies liegt mitunter auch daran, weil der hiesige Preisanstieg nicht hausgemacht ist.
Andere Wirtschaftswissenschaftler prophezeien jedoch eine ähnliche Tragweite dieser Entscheidung wie die Erhöhung 2008, welche die Krise im Euroraum drastisch verschärfte. Liquiditätsengpässe und Refinanzierungsschwierigkeiten seien vorprogrammiert.
Wahrscheinlich haben beide Lager recht. Die Krise in den Peripherie-Staaten wird sich weiter verschärfen und die Gefahr einer Überhitzung der Wirtschaft der Kernländer konnte gemindert werden. Nur sind diese Effekte äußerst gering und werden durch andere Ereignisse aufgefangen oder gemildert werden. Die Entscheidung der Europäischen Zentralbank kann somit kein Umdenken in ihrer Geldpolitik bedeuten.
Der Bank geht es vielmehr darum, einen politischen Befreiungsschlag zu exerzieren. Durch die Finanzkrise ist die EZB zu einem Retter in der Not geworden. Viele Euro-Staaten haben die Mechanismen der EZB ausgenutzt um eine Verschlimmerung der Krise abzuwenden, gleichzeitig aber auch nicht selbst unbeliebte wirtschaftliche Reformen einleiten zu müssen, die einen drohenden Staatsbankrott hätten abwenden können.
Lange hat sich die Zentralbank dem politischen Einfluss verwehren können. Als Vorbild galt die Bundesbank. Während der Krise ist der Druck der Regierungen auf Trichet jedoch so groß geworden, dass das Unerwünschte unvermeidlich wurde. Sicherlich kann es nicht im Interesse der EZB liegen, den Euro-Raum auseinanderbrechen zu lassen. Die Einflussnahme war allerdings offensichtlich.
Den Euro-Staaten blieb so mehr Zeit, den heimischen Konsum wieder anzukurbeln anstatt durch Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen einen möglichen aufkeimenden Aufschwung im Kern zu ersticken. Den Staaten unter dem EFSF-Rettungsschirm bleibt nun auch das nicht erspart. Und die übrigen Länder konnten sich, ohne großen Verzicht üben zu müssen, auf eine wieder anziehenden Weltkonjunktur vorbereiten.
Damit soll nun vorerst Schluss sein. Die Entscheidung der EZB wird den Markt nicht aus den Fugen geraten lassen. Aber sie demonstriert mit einem Paukenschlag, dass die Euro-Staaten von jetzt an wieder selbst für ihre Haushalte verantwortlich sind und sich die EZB erneut ihrem eigentlichen Ziel widmet: Preisstabilität. Vielleicht ist das endlich der Anlass für ernsthafte und tiefgreifende wirtschaftliche Reformen, in allen Euro-Staaten.

Mittwoch, 6. April 2011

UNO light: die Staatengemeinschaft verfehlt ihr oberstes Ziel ihrer selbst wegen

Die Vereinten Nationen, ein Nachkriegskonstrukt zur Schaffung und Wahrung des Weltfriedens, stehen sich selbst bei der Verfolgung der eigenen Ideale im Weg. Diese sind der Erhalt des weltweiten Friedens und eine Garantie für internationale Sicherheit.

Neue Herausforderungen

Doch schwelenden Konflikte im Maghreb und Nahen Osten zeigen, dass selbst im Zeitalter des ungehinderten Informationsflusses Despoten auf ihre eigene Bevölkerung losstürmen und Ihrer Macht wegen Blutbäder anrichten. Die Zeiten sind vorbei, in denen die Weltbevölkerung erst Jahre später von Genoziden erfuhr und sie nicht vermag rechtzeitig zu intervenieren. Twitter und Facebook, aber auch WikiLeaks lassen die Weltgemeinschaft am Schrecken der Tyrannen teilhaben, in Echtzeit und ungeschminkt.
Dass diese Staaten selbst Mitglieder der UN sind, ändert wenig an der Beharrlichkeit autoritärer Regenten. Denn seit ihrer Gründung verpflichtet sich die UNO nationalen politischen und territorialen Interessen nicht zuwider zu handeln.
Jedoch geht eben diese Gründung auf ein Jahrzehnt des Zerstörens zurück, in dem sich Staaten überwiegend untereinander bekriegten. Die kürzlichen und immer noch anwährenden Auseinandersetzungen zeigen jedoch, Kriege werden heute innerhalb der Landesgrenzen geführt. Dass diese nicht den Weltfrieden bedrohen können, ist eine naive Haltung die widerspiegelt, dass sich die Staatengemeinschaft noch nicht den Herausforderungen der heutigen Zeit stellen möchte.
Nicht nur ausgelöste Flüchtlingswellen (siehe Italien und Liberia), sondern auch im Chaos des Geschehens getarnte Waffenhehlerei (wie jetzt im Fall von libyschen Waffen an Al-Kaida) bedrohen die Weltgemeinschaft in allen Winkel des Globus, ganz zu Schweigen von unzähligen Menschenrechtsverletzungen die fortan begangen werden.
Und eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht. Der Sudan steht kurz nach seiner Aufspaltung vor einem Bürgerkrieg, ebenso nehmen Spannungen im Yemen und Irak innerhalb der Bevölkerung zu. Der Libanon sitzt auf einem Pulverfass und erwartet das Urteil des UN-Tribunals zum Hariri-Mord. Es brodelt vielerorts und die Vereinten Nationen haben darauf noch keine Antwort gefunden.
Dabei sind solche Konflikte durch die voranschreitende Globalisierung und wirtschaftlichen und finanziellen Verflechtungen nicht mehr national zu beschränken (siehe ivorischer Kakao und libysches Öl). Es sind zwar meist ethnische Spannungen, die zum Konflikt führen, doch die Weltgemeinschaft trifft es im Mark: es belastet den Welthandel. Steigende Preise sind das Ergebnis, welche wiederum zu weiteren Spannungen führen können, wenn sich beispielsweise indische Bauern das Saatgut nicht mehr leisten können. Die Welt ist zusammengewachsen.
Die UNO interveniert somit nur in Krisenherden in denen es bereits richtig geknallt hat. Die Gefahrenminderung für die Weltgemeinschaft muss jedoch schon wesentlich früher beginnen. Daran wird sie allerdings nicht nur durch ihre eigenen Statuten (die Wahrung der nationalen Souveränität) gehindert, sondern eben auch, weil die Staatengemeinschaft eine Staatengemeinschaft ist. Soll heißen, auch im Sinne des Weltfriedens vertritt jedes Mitglied eigene Interessen. Nicht anders können zum Beispiel die Enthaltungen bei der Resolution 1973 zur Intervention in Libyen, auch auf deutscher Seite, erklärt werden. Solch Interessen sind, wie sollte es auch anders sein, meist wirtschaftlicher Natur. Die Perfidie dieser Tatsache muss wohl nicht erläutert werden.

Umbau erforderlich

Was es also braucht ist einen Sinneswandel auf der einen Seite . Die Welt tickt heute anders als nach dem Zweiten Weltkrieg und niemand kann es sich erlauben, losgelöst vom Rest der Welt vor sich herzuwerkeln. Zum Anderen ist eine Modernisierung der UNO von Nöten. Die Statuten müssen erlauben, auch in nationalen Konflikten frühzeitig eingreifen zu können, nicht erst wenn Al-Jazeera von Leichenbergen auf den Straßen berichtet. Denn auch wenn Völker innerhalb der eigenen Grenzen aufeinander losgehen, so ändert das nichts am Ziel der UN, die „[...] Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten für alle [...]“ zu fördern. Außerdem müssen die Vertreter der Mitgliedstaaten unabhängiger von ihren heimischen Regierungen und deren Wahlversprechen entscheiden dürfen. Zwar ist die Rückendeckung der Vertreter durch ihre Regierung unabdingbar, dennoch sollte das internationales Interesse am Weltfrieden über wirtschaftlichen Belangen oder Klüngeleien einzelner Staaten stehen.
Eine Restrukturierung der UNO steht bereits seit Langem auf der Agenda, doch es zeigt sich, dass, ebenso wie bei Post-Kyoto oder der Finanzkrise, die Staatengemeinschaft sehr behäbig Entscheidungen trifft. Die unmittelbare Gefährdung von Menschenleben sollten sie aber zur Eile ermahnen.
Und vielleicht bietet gerade dieses Projekt, einem unbeliebten und erfolglosen Außenminister die Chance, sich trotz aller Zweifel zu profilieren. Das ist jedoch ein ganz anderes Thema.

Donnerstag, 13. Januar 2011

Pakistan droht zum Konfliktherd Nr. 1 im Nahen und Mittleren Osten zu werden

Die Anzahl der Staaten im Nahen und Mittleren Osten, die die Aufmerksamkeit des Westens beanspruchen ist nahezu ebenso hoch wie deren Anzahl auf der Landkarte. Jüngst ist der Libanon in den Fokus geraten. Hisbollahs lang befürchtete Aufkündigung der Regierungszusammenarbeit mit Hariri ist nun Realität – die schlimmste Befürchtung: die Destabilisierung des gesamten Nahen Ostens. Und der Iran ist eben der Iran. Und so weiter.

Doch das ist mitunter das kleinere Übel. Rund 3.500km weiter östlich mausert sich Pakistan zum Konfliktherd Nr. 1 in der Region. Es besitzt wesentlich mehr Konfliktpotenzial als die meisten anderen Länder zwischen Asien und Europa. Und das nicht nur wegen seiner Atombombe.

Pakistans vermeidlich negative Entwicklung begann mit dem Einmarsch der Alliierten in Afghanistan. Fortan operieren führende Köpfe einer handvoll Terrororganisationen, vorneweg Al-Qaida, aus der ehemaligen britischen Kolonie heraus. Größtenteils ungehindert können die Taliban sich über die afghanisch-pakistanische Grenze mit Nachschub versorgen. Die schwache Regierung um Staatsoberhaupt Asif Ali Zardari hat es trotz zahlreicher militärischer Interventionen im berüchtigten Waziristan nicht geschafft, den Terrorismus aus dem Land zu verbannen.

Das wird auch keineswegs durch Gewehrsalven zu bewältigen sein. Ca. 18.000 Koranschulen tragen dazu bei, die Bevölkerung zu radikalisieren und im Besonderen zu islamisieren. Die islamische Republik durchläuft seit ihrer Abtrennung von Indien 1947 eine konstante Entwicklung hin zu einem religiös fundamentalistischen Staat. In vielen Landesteilen, und landesweit in einigen Teilgebieten des Zivil- und Strafrechts, wird die Scharia, das islamische Recht, angewandt – zuständige gerichtliche Instanzen neben dem Obersten Gerichtshof sind bereits fest etabliert.

Die jüngsten Vorkommnisse, die den Westen beunruhigen sollten und auf die islamische Rechtsauslegung zurückgehen, sind die Geschehen um das sogenannte Blasphemie-Gesetz. Zwar wurden bislang keine Todesurteile vollstreckt, doch wurde die Todesstrafe bereits über eine Christin verhängt und zahlreiche angebliche Gotteslästerer befinden sich bereits im Gefängnis. Es ist sehr beunruhigend, wenn in einem mutmaßlichen Rechtsstaat, dessen Rechtsgrundlage auf dem britischen Common Law basiert, ein Mörder selbst von Politikern gefeiert wird, der einen Kritiker dieses Gesetzes berechnend erschossen hat. Dem Gouverneur der ostpakistanischen Provinz Punjab, Salman Taseer, wurde selbst bei seiner Beerdigung die letzte Ehre von Teilen der Regierung verwehrt.

Es ist zu befürchten, dass auf dem Zerfall der Regierung des Präsidenten Asif Ali Zardari eine weitere Islamisierung des Landes erfolgen wird. Der Austritt der MQM, einer liberalen Partei mit Dominanz in der Wirtschaftsmetropole Karachi, könnte die Regierung zu weiteren Zugeständnissen an fundamentalistische Parteien bewegen, sollte die Opposition ein Misstrauensvotum stellen. Auch die USA sehen die Lage in Pakistan kritisch. Die Bombardements in der Grenzregion zu Afghanistan beweisen deren Überzeugung, dass das Land des Indus nicht selbst vermag Herr der Lage zu werden. Die Veröffentlichung der US-Depeschen durch WikiLeaks enthüllte darüber hinaus, dass Washington äußerst besorgt ist. Grund waren Äußerungen Zardaris, die Zweifel an der Beherrschbarkeit des Militärs weckten.

Seit der Demokratisierung Pakistans 2008, nach dem Militärputsch 1999 unter General Pervez Musharraf, war es der Regierung nicht möglich, Doppelstrukturen im Militär und Machtkonflikte zu entschärfen. Der berüchtigte Staat im Staate könnte jederzeit erneut durch einen Putsch an die Macht zurückkehren. Aber auch Terroristen bedrohen die Stabilität Pakistans. Die Sorge besteht unentwegt, Islamisten könnten sich Zugang zu den Atomwaffen des Landes verschaffen. Die Konsequenzen wären verheerend. Der armen Bevölkerung, besonders durch die starken Überschwemmungen des letzten Jahres in zusätzliche Not geraten, könnte schwerlich glaubhaft gemacht werden, warum sie die Parteien wählen sollten, dessen Politiker sie während Zeiten akuter Hilfsbedürftigkeit im Stich ließen, und nicht etwa Al-Qaida und Co., die sie wenigstens mit dem Notwendigen versorgten. Vorausgesetzt natürlich, es kommt aufgrund eines gescheiterten Misstrauensvotums zu Neuwahlen.

Die MQM hat bisher jedoch verlauten lassen, die Stabilität der Regierung nicht aufs Spiel zu setzen. Unter gewissen Bedingungen selbstverständlich. Auch ist eine militärische Intervention des Westens durch Bodentruppen der Isaf, oder gar ein UN-Mandat, im Moment unwahrscheinlich, doch häufen sich Anlässe, die eine Erwägung ebensolcher Maßnahmen durchaus vorantreiben sollten.

Pakistan kämpft an vielen Fronten. Innen- und außenpolitisch könnten die Umstände für einen fragilen demokratischen Staat kaum bedrohlicher sein. Sollte der Westen und die Regierung um Zardari versagen, das Land zu stabilisieren und den Terrorismus und Fundamentalismus zumindest einzudämmen, liefe die gesamte Region zwischen der Türkei und Indien Gefahr, sich zu einem Krisenherd unvorstellbarer Ausmaße zu entwickeln. Die Verflechtungen unter den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens sind äußerst labil und beruhen auf Machtambitionen vieler Staatenchefs. Die Westmächte sollten sich dies zu Nutze machen und dementsprechend intervenieren, indem sie zum Beispiel Indien im Friedensprozess mit Pakistan unterstützen und der pakistanischen Regierung zu einem außenpolitischen Erfolg, im Besonderen im Zusammenhang mit der Krisenregion Kaschmir, verhelfen. Auch der Internationale Währungsfonds könnte der Regierung entgegenkommen, der er 11 Mrd. Dollar zur Verfügung stellte, indem er die Anforderung an wirtschaftliche Reformen zu Gunsten von Maßnahmen, die der Bevölkerung unmittelbar dienen, herunterschraubt.

Zu viele andere Konflikte in der Region lenken den Blick vom potenziellen Konfliktherd Nr. 1 ab. Es ist Zeit, sich um die wahre Bedrohung zu kümmern und Aufmerksamkeitshungrige wie Ahmadinedschad einmal links liegen zu lassen. Eine falsche Außenpolitik des Westens im Umgang mit Pakistan käme einem Verzicht, den Nahen und Mittleren Osten jemals zu befrieden, gleich.

Sonntag, 2. Januar 2011

Eine Bestandsaufnahme der Welt – wo es zum Jahreswechsel kriselt

Und möge es beginnen - das Jahr 2011. Nun bleiben uns lediglich 99 weitere Jahrzehnte in diesem wunderbaren Jahrtausend der iPods, A380s und 3D-Fernseher. Jedoch genug Zeit, um den Welthunger zu beenden, außerirdisches Leben zu entdecken und Frieden im Nahen Osten zu schließen. Alles spannende Fragen, doch beginnen wir im Kleinen und machen eine Momentaufnahme auf der Schwelle in die neue Dekade. Kein weiterer Jahresrückblick. Auch keine Erwartungen für das Jahr 2011. Nur Status quo.
Heute, wie auch in der Vergangenheit und in der Zukunft, stehen wir vor einer Reihe von Problemfeldern. Sie haben größtenteils humanitäre, ökologische, politische oder wirtschaftliche Hintergründe. Zu jedem Hintergrund ließe sich eine schier endlose Liste von Konflikten aufstellen. Die Konzentration soll aber auf Themen liegen, die uns nicht seit Jahrzehnten in jedes neue Jahr begleiten. Denn leider sind wir immer noch nicht in der Lage die Verbreitung von AIDS einzudämmen, Tibet unabhängig zu erklären oder die Endlichkeit der Rohstoffe zu umgehen. Und dies wird aller Voraussicht nach auch nicht in naher Zukunft geschehen.

Humanitäre Konfliktherde


Auf dem gesamten Globus begegnen wir heute zahlreichen humanitären Problemen. Aktuell beobachten wir wieder einmal die Auseinandersetzung zwischen Christen und Moslems in Nigeria mit zahlreichen Toten. Das Konfliktpotenzial ist seit langem bekannt und doch kamen die Ausschreitungen überraschend. Selten hat der Pontifex so zeitnah zur Deeskalation gedrängt. Und der Westen ist mit einer zügigen diplomatischen Lösung bislang überfordert.
In Haiti hat sich die Situation für die meisten Erdbebenopfer immer noch nicht normalisiert. Cholera rafft vornehmlich die Landesbevölkerung dahin. Die UNO sieht sich Vorwürfen ausgesetzt, diese in das bitterarme Land eingeschleppt zu haben. Hilfsgelder können nur stockend eingesetzt werden. Die Infrastruktur liegt weiterhin am Boden.
Und es liegt Bürgerkrieg in der Luft. Sollten die Anhänger des in der Elfenbeinküste gescheiterten Präsidentschaftskandidaten Gbagbo gegen die Anerkennung des Wahlsiegers Ouattara vorgehen, droht eine Gewaltspirale ausgelöst zu werden, die die Entwicklung des Landes um Jahre zurückwerfen wird. Zehntausende Ivorer sind bereits auf der Flucht.

Ökologische Herausforderungen


Bis auf einer Abschlusserklärung voller guter Vorsätze fürs neue Jahr sind die UN-Klimaverhandlungen in Cancun erwartungsgemäß beendet worden, ohne einen großen Coup zu landen. Wir haben bis dato kein Post-Kyoto-Protokoll-Abkommen. Und die Entwicklungs- und Schwellenländer zeigen sich kompromissunwilliger denn je. Der weltweite Handel mit CO2-Zertifikaten ist nach Japans Rückzug, einen solchen ein umzusetzen, lediglich eine Schubladengeburt.
Die EU hat es nicht geschafft, ehrgeizige Fangquoten für die europäischen Flotten zu beschließen. Der rote Thunfisch ist so stark gefährdet, dass der japanische Großkonzern Mitsubishi bereits damit begonnen hat, massenhaft Thunfisch für die Nachwelt einzufrieren.
Der neuste Trend an europäischen Tankstellen heißt von nun an E10, der Kraftstoff mit einem zehn-prozentigen Anteil von Biosprit. Dabei sind positive ökologische Folgen äußerst umstritten. Bereits gelebte Praxis ist dagegen, den Anbau von Lebensmitteln durch Nutzpflanzen zu substituieren die sich zur Herstellung von Biosprit eignen. Zwar gibt es Bestimmungen, die die Abholzung von Regenwald zu diesem Zweck untersagen, jedoch keine, die verhindern, dass an solchen Stellen der verdrängte Anbau von Lebensmitteln stattfinden darf.
In Deutschland wird zudem munter an Klagen gegen die Verlängerung der Atomkraftwerkslaufzeiten für das Verfassungsgericht gebastelt. Die Kläger argumentieren, dadurch wird der Ausbau von Erzeugern regenerativer Energien behindert und der Nachwelt Tonnen weiteren Atommülls aufgebürdet.
Die ökologischen Langzeitfolgen aus der Explosion der Deepwater Horizon im Golf von Mexiko sind weiterhin ungeklärt. In der Tiefsee werden tausende Liter Rohöl vermutet.

Politik Politik Politik


Nach wie vor bestimmen politische Konflikte die Inhalte der meisten Zeitungen. Topaktuell, die Verurteilung von Chodorkowski in Russland. Weniger das Urteil an sich, als die russische Rechtsprechung und Gewaltenteilung besorgen den Westen. Die Aufnahme in die NATO, Moskaus Annäherung zu Europa, das Anlocken ausländischer Investoren sind Vorhaben, die durch den Richterspruch stark konterkariert werden.
Ungarns umstrittenes Mediengesetz tritt heute in Kraft. Opposition und Ausland befürchten die Einschränkung der Meinungsfreiheit und blicken mit Argwohn auf eine Regierung die sich womöglich ein reines Image erzwingen will. Ab heute hält Ungarn die Ratspräsidentschaft inne und scheint dennoch allen Bestrebungen der EU zu einer Umkehr des Gesetzes standzuhalten.
Dieses Silvester konnten die Soldaten in Afghanistan erstmalig mit einem ungefähren Abzugsdatum feiern. Dass einem bei einem solchen eher nicht zu feiern zu mute ist, verwundert auch nicht. Die Versprechungen sind sehr vage. Die Sicherheitslage noch viel schlimmer. Und die Verluste unter den Alliierten erreichen neue Höchststände. Karsai wird in sein bisher schwächstes Jahr, gemessen am Rückhalt im Westen, starten und der Korruption der Korruption wegen keinen Einhalt gebieten.
In Weißrussland und Brasilien werden alte/neue Regierungen antreten. Die Ergebnisse beider Wahlen haben niemanden vom Hocker gerissen. Die Hoffnung, den Schandfleck Lukaschenka von der europäischen Demokratielandkarte loszuwerden, prägten die Reaktionen von Merkel und Co. Ändern wird sich wenig. In Brasilien ließ allerdings die Ankündigung von Lula-Nachfolgerin Rousseff etwas an den Beziehungen zu den USA zu ändern, aufhorchen. Brasilien sieht seine enormen Wachstumschancen wohl unter seinesgleichen auf dem südlichen amerikanischen Kontinent beschränkt und sucht Anschluss zu den alten Entwicklungsländern.
Bereits erwähnt: die Elfenbeinküste. Zwangsläufig eben auch ein aktuelles politisches Schlamassel. Die Androhung von militärischer Gewalt seitens der Ecowas steht weiterhin im Raum, hat aber wesentlich an Drohpotenzial verloren. Zu wenig politischer Druck kann aufgebaut werden unter dem Umstand, dass sich bei der Wahl eben doch auch 49% der Ivorer für Gbagbo ausgesprochen haben.
Scharlatan des Jahres und Held zugleich: Julian Assange. Er wird Neujahr mit einer Fußfessel in Großbritannien verbracht haben. Das Auslieferungsgesuch der schwedischen Regierung wird geprüft. Dort erwartet ihn nicht nur ein Prozess zu Vorwürfen der Vergewaltigung, sondern auch die Angst, dass den USA ein juristischer Kniff gelingt und er an eben diese abgeschoben wird. Der Plattform WikiLeaks wird dies nicht schaden, eher im Gegenteil. Gespannt warten wir auf die angekündigten Enthüllungen zu den Machenschaften an der Wallstreet.
Was die Diplomaten momentan auch weltweit besorgt, dafür braucht es kein WikiLeaks, ist die Situation auf der koreanischen Halbinsel. China stellt sich weiterhin stur, seinen kommunistischen Verbündeten öffentlich zurecht zu weisen. Es besteht die ernsthafte Sorge um eine militärische Auseinandersetzung. Südkoreas Einlenken zum Verhandlungstisch zurückzukehren, stieß bis dato auf keinerlei hörbares Echo. Die NATO, verpflichtet, einem Bündnispartner bei Angriff beizustehen, kann sich eine Eskalation des Konfliktes nicht leisten, zu stark wurden nationale Verteidigungsetats gekürzt oder werden momentan in Anspruch genommen.
In Deutschland wartet eine handvoll politischen Ungemachs auf Beilegung. Der Vermittlungsausschuss des Bundesrates brütet über die Hartz-IV-Reform. Was passiert nun eigentlich nach dem Schlichterspruch von Geißler zu Stuttgart-21? Sowieso, Volksentscheide standen selten so hoch auf der Agenda. Endlich kann die Wehrpflichtreform in die Realität umgesetzt werden. Wohingegen es beim sogenannten Sparpaket immer noch Defizite gibt. Finanztransaktionssteuer? Sollte die nicht eingeführt werden? Wir stehen heute ohne da. Ebenso ohne Mehrwertsteuerreform, Reform kommunaler Finanzen, Medienschutzgesetz, Klarheit über Vorratsdatenspeicherung, Rechtssicherheit über die Laufzeitverlängerung der AKWs und zu guter Letzt ohne einen starken FDP-Vorsitzenden oder designierten Nachfolger. Dafür herrscht heute immer noch erhöhte Terrorwarnstufe. Und Streusalz- und Enteisungsmittelknappheit.

Wirtschaftliche Problemstellungen


Nach der Finanzkrise hat wohl jedes Land mit gewissen Folgen zu kämpfen. Geeinigt sind sie dabei in der Euro-Zone. Der Stabilitätspakt ist ein wankendes riesiges Ungetüm, das nicht in der Lage sein wird, Portugal, Spanien, Italien und eventuell Belgien zu stabilisieren. Es herrscht der Eindruck, dass im Moment nur der Atem angehalten wird und das Glück und nicht finanzpolitische Raffinesse das Schicksal der Euro-Peripherie-Staaten bestimmen soll. Daraus erwachsen auch, siehe Image Merkel und Demos in Griechenlands, handfeste politische Herausforderungen. Der Euro wackelt und Zentralbanken weltweit hoffen, dass er standhält. Aber lediglich Hoffnung scheint die Devise zu sein.
Ernüchterung macht sich dagegen gegenüber Chinas Handelspolitik breit. Die Ankündigung zum Jahreswechsel, Exportzahlen zu Seltenerdoxiden nicht mehr bekannt zu geben, um westliches Geraune zu vermeiden, ruft ein bloßes Ohnmachtsgefühl hervor. Die Substituierung durch den Abbau seltener Erden außerhalb Chinas wird noch Jahre benötigen. Klagen bei der WTO ziehen sich eben so lang hin. Importeure und High-Tech-Unternehmen befürchten baldige Engpässe und es droht eine Stauchung unzähliger Produktlebenszyklen.
In Deutschland liegt Optimismus in der Luft. Die Exporte stehen an der Schwelle zwischen Konjunkturtreiber und Stagnation. Deshalb liegt von nun an der Fokus auf dem Binnenkonsum. Da kommt die hohe Beschäftigung gerade gelegen. Unterschwellig brodelt es jedoch bereits beim Thema Fachkräfte. Die ab heute geltende Arbeitnehmerfreizügigkeit wird daran vermutlich wenig ändern.

Zugegeben, es war ein kurzer Blick auf die Welt zum Jahreswechsel und bei weitem nicht vollständig. Erkennbar ist jedoch schnell: unsere Probleme werden nicht geringer in Anzahl und Dramatik. Die Weltgemeinschaft hat sich stillschweigend darauf geeinigt, zukünftig kleinere Brötchen backen zu wollen, dabei sind gerade unsere allseits bekannten und großen Konflikte diejenigen, die letztlich zu den meisten kleineren Schwierigkeiten führen. Die UN, die handlungsweisende Plattform der Staatengemeinschaft, muss endlich ihrer Verantwortung gerecht werden und die Regierungschefs ermutigen, beherzt zuzupacken. Vielleicht gelingt uns dies in dem zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts.